LEBENSKRAFT
UND MISSBRAUCH

GLR: Erinnerungen 2

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Es wurde nicht darüber gesprochen

Ängste, Schwierigkeiten, Unvermögen, Panikanfälle und unerträgliche Scham — über alles derartige wurde nicht gesprochen. Das ist der erste Punkt, von dem alles ausgeht.

Als erstes Beispiel fällt mir die Sprechhemmung in der Schule ein. Diese setzte ziemlich früh im Gymnasium ein, also ab einem Alter von 10 Jahren. Zuerst merkte ich es, als ich zum Vorlesen aufgerufen wurde. Ich konnte plötzlich nicht mehr atmen. Mein Brustkorb zog sich nach innen ein, sodaß ich nach Luft schnappte und zu keuchen anfing. Am schlimmsten war es im Englischunterricht, weil ich mich mit der Fremdsprache am unsichersten fühlte. Französisch hatten wir damals noch nicht, und als dieses Fach dazukam, hatte ich zum Glück einen Lehrer, der mich niemals gegen meinen Willen aufrief, d.h. zum Sprechen oder Vorlesen zwang — was ich ihm immer hoch anrechnete.

Im Gegensatz dazu hatte ich zwei Lehrerinnen, die es richtig auskosteten, mich vor der Klasse bloßzustellen. Ganz nach dem Stil: "Rufen wir doch mal den Lothar auf, dann gibt es wieder etwas zu lachen." Ich kann mich heute noch daran erinnern (genau so, als wäre es gerade geschehen), wie die eine Lehrerin angesichts meines Japsens, Keuchens und Stammelns wütend wurde und mich anfauchte: "Reiß doch mal endlich die Zähne auseinander!" Ich habe dann eine fürchterliche innere Panik bekommen, die in eine fast schon außerkörperliche Erfahrung mündete. Ich kam mir vor, als müßte ich jetzt sterben und als würde ich mich in ein tiefes schwarzes Loch stürzen. Auf einmal war mir alles egal. Wenn ich schon sterben muß, dann richtig. Die Angst schlug dann in Wut um. Ich fühlte mich plötzlich gewalttätig, verspürte einen unbändigen Haß auf diese sadistische Frau, die keinerlei Spur von Mitgefühl zeigte, und begann plötzlich, wie unter Protest und mit innerem Tumult, doppelt so laut zu lesen. Aber ohne Intonation, weil ich gar nicht mehr bei Sinnen war, sondern wie ein Roboter, der sich buchstabenweise vorwärts arbeitet.

Nach dieser Vergewaltigung kam dann — typischerweise, siehe obigen Seitentitel — keine Reaktion. Ich hatte mich irgendwie gegen diese Frau durchgesetzt. Es wurde einfach der nächste Mitschüler aufgerufen.

Weder seitens der Lehrer noch seitens der Mitschüler gab es Reaktionen, auch kein Mitgefühl. Ich kann mich nur vage erinnern, daß mich ein Klassenkamerad von der Seite als "komisch, mit dir stimmt wohl etwas gar nicht" abqualifizierte. Kein Mensch half mir, und auch gegenüber meinen Eltern gab es das Thema nicht. Die Sprechhemmung blieb unverändert, nicht nur im Gymnasium, sondern auch noch Jahrzehnte später. Ich weiß noch, daß in einer der letzten Schulveranstaltungen (es handelte sich um eine Jubiläumsfeier mit Erinnerungen an die Schulzeit) auch die Eltern anwesend waren. Ich sollte zu Dias, die gezeigt wurden, ein paar Sätze sagen. Das konnte ich aber nicht, sondern ich stammelte unverständlich und schämte mich dabei in Grund und Boden. Der Klassenkamerad, der den Diaprojektor bediente, kicherte belustigt. Meine Eltern, die alles miterlebt hatten, erwähnten den Vorfall beim Nachhausefahren mit keinem Wort.


Ich merke jetzt beim Schreiben, daß ich noch etliche Seiten mit Erinnerungen an diese Sprechangst weiterschreiben könnte. Wie ich unter Angst Referate halten mußte. Wie ich jahrelang an den Tagen, wo ich wußte, daß Englisch auf dem Stundenplan stand (das war, weil es sich um ein neusprachliches Gymnasium handelte, in neun Jahren praktisch jeden Tag), schon morgens auf dem Schulweg Angst bekam, das Frühstück nicht essen konnte, Bauchschmerzen hatte, in der Schule Angstschweiß hatte und erst dann erleichtert war, wenn nach der Englischstunde noch andere Fächer drankamen oder wir endlich nachhause durften.

Wie einmal in einer Computerfirma, in der ich ein Jahr arbeitete, bei einem Wochenend-Workshop ausgelost wurde, daß einer der Teilnehmer ein Referat über das an den Tagen Erarbeitete halten sollte, und ich stundenlang richtig krank vor Angst war, weil ich wußte, daß ich zu einem der Chefs hingehen und ihm sagen müßte, daß ich das aufgrund meiner Störung nicht würde machen können. Wie ich aber zugleich, seit jeher, immer gelernt hatte und mich innerlich damit auch voll identifizierte, daß man ja über so etwas nicht spricht und das auch keiner hören will. Wie sich deshalb bei mir eine totale Hilflosigkeit und panische Angst aufbaute, die mir das Leben zur Hölle machte. Wie ich solche Dinge jahrelang durchmachte, ohne daß es auch nur ein einziger Mensch je erfuhr. Wie ich oft lieber sterben wollte, als solch ein Leben weiter ertragen zu müssen.

GLR
3.6.2017

Meine eigenen Erlebnisse sind sehr persönlich und individuell, spiegeln aber im Rückblick aus mehr als 40 Jahren betrachtet wesentliche Grundmuster der Verdrängung und Zerstörung von Lebenskraft und Authentizität dar. Das ist auch der Grund, warum ich sie ab Mai 2014 öffentlich gemacht habe und weiterhin ausarbeiten werde.

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