LEBENSKRAFT
UND MISSBRAUCH

Juni 2017

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Gerichtsangst

Gestern mußte ich bei einem Gerichtstermin als Zeuge aussagen. Ich hatte mich vorher auch freiwillig gemeldet, weil ich der Angeklagten, die schon vorher und dann erst recht durch die Anzeige Opfer einer bösartigen Racheaktion geworden ist, helfen wollte.

Ich stellte schon lange vor dem Termin fest, daß sich bei mir ein zunehmend mulmiges Gefühl aufbaute, das ich mir zuerst nicht erklären konnte. Ich wußte nur, daß es mit dem Termin zusammenhing, konnte aber beim besten Willen nichts Genaueres lokalisieren bzw. herausfinden.

Ich hatte bei der Anfahrt eine zunehmende Panikstimmung im Zug, die schlagartig wegging, als ich direkt in das Gefühl hineinfühlte und dabei merkte, daß es reicht, das Gefühl einfach nur zuzulassen, statt zu versuchen, hinter die genaue Ursache zu kommen.

Bei meiner Zeugenaussage fühlte ich mich beklommen. Ich hatte aber den Eindruck, es richtig gemacht zu haben, und war so gut wie völlig sicher, daß aufgrund meiner und der anderen Aussagen die an sich völlig absurde und grundlose, auch nicht durch Beweise zu erhärtende Anklage gewiß fallengelassen werden würde. Mit Entsetzen erfuhr ich, als ich nach einem kleinen Stadtbummel auf dem Rückweg wieder am Gericht vorbeikam, daß die Angeklagte das Verfahren verloren hatte.

Es ging mir aber dann den ganzen Tag, obwohl ich in der Sache völlig vor den Kopf geschlagen war, recht gut. So als ob etwas in mir bereinigt worden wäre.

Die Angelegenheit mit der Gerichtsangst selbst ist aber keineswegs gelöst. Diese Angst hat eindeutig mit Kindheitserfahrungen zu tun. Ich will versuchen, das hier — obwohl es wie gesagt eine völlig diffuse, nicht genau lokalisierbare Empfindung ist — näher zu untersuchen.


Ich habe gerade erst beim Schreiben und Wiederlesen des obigen gemerkt, daß es hier um Gerechtigkeit geht, oder vielmehr: um eine eklatante Ungerechtigkeit, die wie aus heiterem Himmel über einen kommt. Das scheint sogar der Schlüssel zu sein. Denn es ist nicht ein Gefühl, nicht energetisch, sondern auf ganz kalte und trockene Weise faktisch. Es ist ein widerliches, gemeines Ausgebootet-Werden, ohne daß man eine reale Chance erhält, seinen eigenen Stand und sein Recht zu schützen. Genau das ist der Angeklagten passiert. Sie sollte "fertig gemacht" werden, und sie wurde dann auch fertig gemacht. Sogar das Gericht, das ja eigentlich objektiv und neutral sein sollte, machte bei diesem Spiel mit. Die unfreundliche, voreingenommene und harte Art der Richterin löst bei mir jetzt noch eine extreme Wut und starke Rachegefühle aus. Ich wünsche solchen Menschen, einmal selbst Opfer derartiger Erniedrigung zu sein.

Es geht hier wohl um die Ohnmacht als Opfer. Man wird regelrecht vernichtet. Am besten hat das Kafka in seinen Werken beschrieben. Mir geht es dann so, daß ich noch nicht einmal mehr richtig atmen und/oder sprechen kann, so als wäre da schon keine Luft mehr, die mir eingeräumt würde.

Die Sache ist wie bei Kafka und wie beim lieben deutschen bürokratischen Lügenregime eine ganz anonyme und unpersönliche; da ist nur noch diese Betonwand, an der alles abprallt. Keiner ist wirklich zuständig; keiner bringt Verständnis auf; alles wird mit unerbittlicher Herzlosigkeit niedergewalzt.

Ich glaube, jetzt ist es mir wenigstens teilweise gelungen, diesem Gefühl, das eigentlich nicht greifbar war, ein Stück weit auf die Spur zu kommen. Ich muß das aber noch weiter ergründen. Die Sache ist jedenfalls extrem unangenehm.

Ich habe übrigens etwas vertauscht: die Phase vor und nach der Verhandlung und dem Urteil. Ich projiziere da noch etwas. Wenn ich mir das klarer mache, komme ich, so scheint mir, doch etwas voran:

Ich habe vor der Verhandlung gemerkt, daß es nicht nötig ist, wieder in dieses Hilflosigkeitsgefühl einzutauchen. Es kommt nur aus dem eigenen Verstand und ist eine Vorstellung. Diese Vorstellung ist die eigentliche Strafe. Ich habe der Angeklagten auch am Schluß noch zu erklären versucht, daß sie sich eigentlich selbst bestraft und daß es das beste wäre, das Urteil dort zu lassen, wo es hingehört. Quasi, genau wie im Fall von Mißbrauchs, bei den Tätern. (Sie hat aber nicht zugehört; die Leute hören so etwas nie an und blocken schon im Vorfeld ab.) Damit die Übertragung des Horrors (Schuld, Strafe, Hilflosigkeit, Opfer sein, Beschämung, Demütigung, Angst, Sorge, Unwertgefühle) funktioniert, muß man das Gift-Paket annehmen und verinnerlichen. Das ist, was sie (hier: die Obrigkeit, bzw. diejenige, die der Angeklagten eins auswischen wollte) bezwecken. Dieses Paket darf man nicht annehmen, sondern muß sich einseitig davon verabschieden, der Adressat zu sein.

Es ist genauso mit den Herrschaftsinstanzen: Regierung, Kirche, oder Gruppenzwänge in Vereinigungen usw. Das Spiel funktioniert, weil sie es schaffen, einem das Gefühl zu geben, sie würden einen komplett beherrschen. Diese Herrschaft ist aber eine Herrschaft nur im Geiste, im Denken, im Verstand, in der Vorstellung. So funktioniert auch der deutsche Untertanenstaat. Es ist eine Art Hypnose, und die Leute lassen sich hypnotisieren. Man hat Angst, weil man sich vor Nachteilen fürchtet, die einem angedroht werden. Aber wenn man das nicht verinnerlicht, können sie einen nicht wirklich packen. Das ist die eigentliche Freiheit. Diese Freiheit ist da und kann auch gar nicht zerstört werden, außer von einem selbst und in sich selbst.


Diesen einen entscheidenden Aufschluß habe ich gewinnen können:

Es ist wichtig, daß man die Wahrheit für sich selbst weiß, nicht, ob andere sie wissen.

GLR
9.-10.6.2017

Meine eigenen Erlebnisse sind sehr persönlich und individuell, spiegeln aber im Rückblick aus mehr als 40 Jahren betrachtet wesentliche Grundmuster der Verdrängung und Zerstörung von Lebenskraft und Authentizität dar. Das ist auch der Grund, warum ich sie ab Mai 2014 öffentlich gemacht habe und weiterhin ausarbeiten werde.

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