LEBENSKRAFT
UND MISSBRAUCH

GLR: Erinnerungen

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Erinnerungen 9: Fotos und Anmerkungen

© GLR | 22.3.2018

Fotos

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Großeltern (mütterlicherseits) und Bruder, 1960




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Klassenfahrt nach England, ca. 1968




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Vater, Bruder, 1978




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Klassentreffen, ca. 1982


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Vater, 2010; Anmerkungen siehe Erinnerungen 4: Das Verbot

Anmerkungen

Die meisten alten Fotos habe ich weggeworfen. Aus den noch vorhandenen habe ich obige ausgewählt, weil sie typische Eindrücke zeigen.

Abgesehen vom ersten Bild, bei dem meine Zufriedenheit und das völlige In-mir-Ruhen offensichtlich sind, machen mich die anderen Bilder traurig, teilweise auch wütend. Bei den Klassenfotos (es sind die einzigen, die ich habe bzw. die mit mir aufgenommen worden sind) fällt sofort die totale Außenseiterstellung auf, so als würde ich überhaupt nicht zum Bild dazugehören. Die Bilder sind kein Zufall, sondern sehr bezeichnend. Ich habe mir aber in den ganzen neun Jahren Gymnasium nie bewußt gemacht (oder hätte zu sehr darunter gelitten, wenn ich es gemerkt hätte), wie wenig ich mit dieser Gruppe, die schließlich all die Jahre fast unverändert und tagein tagaus miteinander zu tun hatte, überhaupt zu tun hatte. Außer den ganzen demütigenden Erfahrungen, die mir das Seelenleben zur Hölle gemacht haben — in der Schule und zuhause gleichermaßen.

Noch viel unangenehmer ist es für mich aber, das innere Wegtreten und die Verlorenheit zu sehen, die in den Jahren ab der Pubertät bezogen auf die Familie geschehen ist. Da ist eigentlich alles schiefgelaufen, und ich habe seelisch extrem darunter gelitten. Das Bild von 1978 mit Vater und Bruder vermittelt nur einen indirekten Beigeschmack; es gibt auch nur sehr wenige Bilder aus diesen Jahren (ca. ab 1963). Auf allen sehe ich unglücklich und verloren aus. Der Vorteil solcher Fotos ist, daß man das immer sehr gut sehen und nicht verhehlen kann.

Es wurde dann in der Studienzeit auch nicht besser, aber das möchte ich hier nicht weiter ausführen. Ich habe mich dann völlig geflüchtet und war eigentlich gar nicht mehr "existent".

Eine späte und schockierende Erkenntnis

Ein Tag später: Beim nochmaligen Anschauen der Seite und der Fotos trifft es mich sofort im innersten Kern: Ich bin schon wieder beim Schreiben der eigentlichen Schockerfahrung ausgewichen, konnte auch gar keine passenden Worte finden, um sie wiederzugeben.

Der erschreckende Haupteindruck, der mich, je älter ich werde und je mehr Distanz ich gewinne, umso stärker anspringt, ist der eines in den Müll getretenen, nicht gelebten Lebens — von der Geburt bis zum Alter von etwa 28 Jahren.

Der, der ich bin, ist gar nicht da gewesen, nicht herausgekommen, wurde auch, vor allem in der Familie, aber, so makaber das klingt, auch zu einem ziemlichen Teil in der Schulklasse regelrecht kaputt gemacht, verhindert, sogar bekämpft. Dieser Mensch sollte nicht er selbst sein, sollte nicht leben, sollte nicht froh sein können und sich entfalten.

Das klingt wie eine Ausrede für eigenes Versagen, und so hätte ich es früher stets gesehen. Jetzt jedoch sehe ich wie zum ersten Mal die Zartheit und Verletzlichkeit dieses Menschen. Von all diesen Gleichaltrigen und von allen Familienangehörigen (egal, ob näher oder weiter verwandt) war ich bei weitem der zarteste und verletzlichste, habe auch stets am meisten wahrgenommen und durchschaut.

Hieraus ergibt sich dann die Logik des Bekämpfens, des Ausmerzens dieser Seele, die man nicht dulden kann, weil sie immer sofort weiß, was schiefläuft und wieviel an den anderen Menschen falsch, verlogen, nur vorgetäuscht und mit künstlichem Nimbus versehen ist.

Im Grunde war ich diese ganze Zeit über tot, nicht lebendig. Deshalb ist es auch kein Wunder, daß eine erotische Erfüllung nie in Frage gekommen ist. Das hätte nicht gepaßt, auch nicht zu den Frauen (bzw. damals: Mädchen).

Die Bilder (und alle, die ich noch habe) zeigen eines: Da hat einer nur am Rande dahinvegetiert. Niemand kannte ihn, niemand interessierte sich für ihn. All seine tieferen Gefühle, Empfindungen, Träume oder Sehnsüchte kamen nie an die Oberfläche, interessierten auch niemanden, oder hätten nur gestört.

Das Ganze ist eine echte Tragödie, ein fürchterliches Drama — das sage ich jetzt ohne falsches Selbstmitleid und ohne Übertreibung. Und erst heute sehe ich, daß es nie eine Verbindung zu diesen "Mitmenschen", neben denen ich dahinvegetieren durfte — aber eben wirklich nur am Rande und einigermaßen geduldet, solange ich still und ruhig blieb. Wahrscheinlich hätten sie mich gleich in den Müll geworfen, um das Problem für sich abzuwickeln, wenn sie völlig freie Wahl gehabt hätten.

Meine eigenen Erlebnisse sind sehr persönlich und individuell, spiegeln aber im Rückblick aus mehr als 40 Jahren betrachtet wesentliche Grundmuster der Verdrängung und Zerstörung von Lebenskraft und Authentizität dar. Das ist auch der Grund, warum ich sie ab Mai 2014 öffentlich gemacht habe und weiterhin ausarbeiten werde.

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