LEBENSKRAFT
UND MISSBRAUCH

November 2019

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GLR | 16.11.2019

Noch viel schlimmer

Durch die gestrige Erfahrung mit dem Nachbarn, der mich massiv bedrohte und ankündigte, er werde mir die Nase brechen, sind bei mir Dinge hochgekommen, die mit dem Verhalten meines Vaters zusammenhängen. Da diese damaligen Ereignisse schon ca. 50 Jahre zurückliegen, war mir das Wesentliche daran nie richtig klargeworden. So bin ich in gewissem Sinne dankbar, daß das, was gestern geschah, die früheren Begebenheiten und ihren eigentlichen Hintergrund noch einmal ganz neu beleuchtet und — zumindest teilweise — bei mir ins Bewußtsein zurückgebracht haben.

Es stellt sich nun nämlich heraus, daß das Verhalten meines Vaters weit schwerere Schäden bei mir verursacht hat, als ich bislang gewußt habe. Das klingt natürlich zuerst etwas selbstmitleidig und jammernd, ist es aber nicht. Vielmehr nützt es überhaupt nichts, hier etwas zu beschönigen. Das Wichtige ist, daß man als Kind, aber auch als Jugendlicher, die Dinge nicht im richtigen Licht erkennen kann, weil man nichts anderes kennt und erlebt hat und weil die Eltern, egal auf welche Weise, für einen stets die komplette Wirklichkeitsicht, ja sogar eine ganze Wirklichkeit für sich (so als wäre es eine eigene Welt) darstellen und erzeugen.

Das gestrige Verhalten dieser Person ähnelte frappant dem damaligen Verhalten meines Vaters. Ich möchte es hier nicht weiter beschreiben (das mache ich in einem nur intern weitergegebenen Audio), sondern nur erwähnen, daß es genau wie bei meinem Vater scheinbar völlig grundlos, unmotiviert, absurd und wie ein Blitz oder Donnerschlag aus heiterem Himmel geschah. Es ging darum, mich zu erniedrigen, zu beleidigen. Völlig aus der Luft gegriffen und aus jeglichem etwa noch möglichen Zusammenhang gerissen, prasselten Beleidigungen auf mich nieder. Ich sei schwach, feige, verlogen usw. Im wesentlichen ging es darum, mich zu kränken und gleichzeitig zu reizen. Es kam mir so vor, als suche das Gegenüber einen Kampfgegner, den er in den Boden treten könne. Ich lasse jetzt einmal die möglichen (und wie gesagt ohnehin nicht plausiblen) Motive beiseite — jedenfalls ging das Ganze völlig an mir vorbei. Ich konnte gar nicht getroffen werden, noch nicht einmal beleidigt, denn da war niemand, den das hätte treffen können. Ich überlegte nur, wie ich weitere Gefahr von mir abwenden und was der beste Weg wäre, damit umzugehen und nochmalige Wiederholungen zu vermeiden (denn es hatte schon mehrere solche Vorfälle, nur noch nicht so bedrohlich, gegeben).

Zu der nun wieder aufgekommenen Erinnerung an meinen Vater und dessen Wirkung auf mich. Was ich damals nicht wußte, das war, daß es Väter gibt, die ihre Söhne zuvorkommend und unterstützend behandeln. Aufmunterung, Bestärkung, Lob, Anerkennung von Fähigkeiten und Eigenschaften, all das ist eigentlich der "Normalfall". Da ich das aber nie erlebt hatte, wußte ich es nicht, und, so seltsam das klingt, ich bin erst gestern zum ersten Mal überhaupt auf diese Idee gekommen! Vor diesem Hintergrund erweist sich aber, wie schädlich die Zurücksetzung und Demütigung, die ich während meiner gesamten Kindheit und Jugend, und sogar bis zum Beginn meines Erwachsenenlebens, erlebte. Denn, und das war mein eigener Fehler, ich blieb viel zu lange, bis zum Alter von 23 Jahren, zuhause bei meinen Eltern wohnen, und wurde sogar bis dahin, obwohl damals mit 21 Jahren volljährig und schon längst erwachsen, weiterhin nicht nur bedroht und beschimpft, sondern wie ein Feind und als erklärtes Haßobjekt benutzt, inklusive wiederholten Schlagens und Verprügelns, von den verbalen Angriffen ganz zu schweigen.

Noch einmal: Ein normaler Vater würde seinen Sohn als Menschen behandeln, nicht als ein Stück Dreck und/oder als Feind und Gegner.

Nun geht es mir aber um mein Verhalten. Dieses Verhalten läßt sich nicht durch Absicht oder Willensanstrengung ändern (wie mir gestern wieder einmal gesagt wurde). Ich sei zu gutgläubig, zu vertrauensselig gewesen, und hätte daher die Attacken auf mich gezogen. Es ist nicht so, daß sich menschliches Verhalten nicht ändern könnte. Aber wenn es sich ändert, dann nur als Wirkung eines Zusammentreffens von Bewußtwerdung (z.B. einer unnötigen Selbstblockade und Einschränkung) und des ohnehin ständig geschehenden Fließens von Lebenskraft. Die Grundkonditionierung jedoch, die man selbst nicht verursacht hat, bleibt gleich, so daß auch die grundsätzliche Charakterstruktur gleich bleibt. Einschneidende Prägungen der Vergangenheit lassen sich nicht rückgängig machen.

Ich finde hier gute Aufschlüsse bei der Betrachtung von Verhaltensänderungen bei Pferden. (Meinem Eindruck nach finden übrigens solche Verhaltensänderungen bei Pferden eher und leichter statt als bei Menschen.) Ein Verhaltensmuster traumatisierter Pferde kann Mißtrauen, Stocken, Einfrieren (Versteinerung) der Bewegung sein. Das Pferd erstarrt und zeigt scheinbar einen erstorbenen, wie toten Charakter. In Wahrheit fehlt aber die positive Motivation, die eigene Freude. Das Pferd hat "abgeschaltet". Was ich hier verstanden habe, ist, daß die Wiederbelebung nur durch positive Erfahrungen und ein graduelles freiwilliges Sich-Öffnen stattfindet. Es wird ganz neu, und vielleicht zum allerersten Mal, Vertrauen geschöpft.

Dieses Beispiel kann als perfekte Analogie für mein Verhalten gegenüber Frauen dienen. Das oben (und ausführlicher auf diesem Webbereich) beschriebene Verhalten meines Vaters hat dazu geführt, daß Kontakt zu Frauen für mich geradezu qualvoll ist, und zwar umso qualvoller, je mehr ich mich zu einer Frau hingezogen fühle. Es handelt sich um eine totale Blockade, verursacht durch die Traumatisierung am wesentlichen Punkt, nämlich an der Stelle, wo Vertrauen geschöpft wird. Jedes Mal, wenn ich mir an diesem Punkt ein Auf-Frauen-Zugehen abverlangt habe, hat das nicht funktioniert, und jedesmal war die Schlußfolgerung gewesen, ich wäre zu feige, zu passiv, zu schwach gewesen. Das entspricht dem Denken des gestrigen Angreifers, mich am Punkt der Selbstachtung packen zu wollen. Und diese Selbstachtung dann komplett zerstören zu wollen — also exakt dasselbe, was mein Vater getan hat. Man könnte hier auch, um das Beispiel mit dem Pferd zu nehmen, die Analogie eines Reiters benutzen, der ein Pferd, das erstarrt, also nicht gehen oder galoppieren will, peitscht, um es dazu zu zwingen.

Die einzige richtige und wahre Vorgehensweise besteht darin, das Pferd (oder analog dazu mich oder jeden anderen Menschen, ja universell: jedes Lebewesen) an den Punkt zu führen, wo die Freude wiederentdeckt wird. Es geht um die Freude, um die Freude an der eigenen Lebenskraft und am eigenen Sein, nicht um die Selbstachtung oder Würde des Egos! Ohne diese Freude geht gar nichts. Solange nicht an irgendeiner Stelle in diesem Lebewesen die Freude und das Gefallen am Sein, das Erleben von Schönheit, Harmonie und Eleganz wiedererlebt wird, klappt gar nichts und ist jeder andere Versuch aussichtslos. Genau hier liegt auch der Grund, warum viele Menschen verklemmt, schüchtern, zurückhaltend und ängstlich bleiben. Sie werden dann als "still", introvertiert, teilweise auch als Sonderlinge und Eigenbrötler etikettiert und übernehmen früher oder später derartige Anheftungen als eigene Selbsteinschätzung. Sobald das geschehen ist, ist alles zu spät, denn dann hat der Betreffende sein Selbstbild mit dem geschundenen und entwürdigten Wesen identifiziert. Eine weitere Änderung ist von da an komplett ausgeschlossen. Er bleibt für den Rest seines Lebens in seinem eigenen inneren Gefängnis eingeschlossen. Die Vergewaltigung der Boshaften und Gewalttätigen hat, im Bund mit den Vorurteilen der Mitmenschen, den Sieg davongetragen.

Die Erfahrung, mit Frauen positive Eindrücke beim ersten Kontakt zu erleben, kenne ich praktisch überhaupt nicht. Das ist die Lage und der Ausgangspunkt. Mein Vater hat ganze Arbeit geleistet, denn ich bin, selbst nach vielen Jahrzehnten, nie auf die Idee gekommen, die Sache vom eigentlichen Kern her zu begreifen. Sobald das Ego ins Spiel kommt und Dinge "ändern" will, und sobald ich automatisch angenommen hatte, ich müßte mir bezüglich Frauen etwas abverlangen, war der Kontakt vergiftet. Exakt hierin bestand das, was ich "seelische Kastration" genannt habe. Diese Kastration habe ich dann selbst in meinem Gehirn, in meinen Grundüberzeugungen, weiter aufrechterhalten. So habe ich ein ganzes Leben im Schatten des Bannes dahinvegetiert, der mir von diesem Verbrecher und Seelenzerstörer auferlegt worden war. Der Mann war sich dessen noch nicht einmal bewußt. Er hast den Schaden verursacht und sich dann anderen Dingen zugewendet; ich aber habe den Schaden weiter kultiviert und dessen Folgen ausbaden müssen.

Meine eigenen Erlebnisse sind sehr persönlich und individuell, spiegeln aber im Rückblick aus mehr als 40 Jahren betrachtet wesentliche Grundmuster der Verdrängung und Zerstörung von Lebenskraft und Authentizität dar. Das ist auch der Grund, warum ich sie ab Mai 2014 öffentlich gemacht habe und weiterhin ausarbeiten werde.

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