LEBENSKRAFT
UND MISSBRAUCH

GLR: Erinnerungen

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Erinnerungen 3: Die Großeltern

In Wahrheit hatte ich praktisch zwei Elternpaare, die Eltern und die Großeltern. Zweitere wohnten während meiner ganzen Kindheit mit im Haus, im oberen Stockwerk, und ich empfand sie immer als meine eigentlichen Eltern. Es gab eine klare gefühlsmäßige Trennung: die Großeltern (Eltern meiner Mutter) waren die liebevollen Eltern, mein Vater war der Sadist, den ich mied, und meine Mutter stand dazwischen. Mein Vater haßte die Großeltern und fühlte sich in die Minderheit versetzt. Gegenüber meinem Vater hat meine Mutter ihre Eltern nie verteidigt, obwohl er beide lächerlich machte und v.a. über meinen Großvater äußerst abfällig sprach (Versager, Schlappschwanz, Memme, also genau wie mir gegenüber).

Beide Großeltern waren das, was man „gut“ nennt, und so etwas ist kein Klischee, sondern es war wahr. Sie hießen übrigens „Ehrlich“. Das Interessante an meinem Großvater ist, daß ich von allen Kindern vom Typ her ihm am nächsten kam, so als wäre ich sein Nachfolger. Und daß er ähnlich wirkte. Er gab (aus eigenem Antrieb) ein Periodikum für seine Landsmannschaft heraus, bei dem auch seine Frau mitschrieb. Er ließ es komplett und aufwendig drucken (wurde damals noch per Bleisatz gemacht). Auflage war, glaube ich, ein paartausend. Dadurch sammelte er die damaligen, im Krieg geflüchteten, Donauschwaben wieder zusammen und gab ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl. Ich war damals in Stuttgart einmal mit dabei, wie er ein Treffen organisierte; da war der ganze Saal voll, er wurde von allen bewundert, hielt eine Rede und blühte total auf. Er erhielt dann nach einiger Zeit für seine Arbeit das Bundesverdienstkreuz.

Er war sehr musisch und spielte hervorragend Geige. Heute verstehe ich viel besser, warum mein Vater ihn haßte. Mein Vater flüchtete geradezu aus dem Haus und verschwand, kaum kam er mittags von der Schule (Lehrer), in den Tennisclub.

Ich ging, wenn ich nur konnte, nach oben zu den Großeltern und verbrachte dort einen Großteil meiner Zeit. (Leider war mein Großvater Kettenraucher – woran er auch starb – und extrem mediensüchtig: nicht nur schaute er pausenlos fern, sondern er setzte sich viel zu stark mit Politik usw. auseinander. Er regte sich sehr über die Selbstverleugnung der Deutschen auf, was ich damals gar nicht verstand.)

Meine Großmutter war eine fantastische Köchin. Meine Mutter konnte fast nichts von dem, was sie konnte. Sie hatte ein dickes Buch mit traditionellen österreichisch-ungarischen Rezepten. Sie kochte und buk fast permanent; so gab es zu Weihnachten nicht nur einen Kuchen, sondern fast täglich neue und andere Kuchen und Plätzchen. (Auch hierüber machte sich mein Vater immer auf gehässige Weise lustig – das habe ich aber damals nicht so mitbekommen, sondern immer gedacht, meine Großmutter hätte einen leichten Tick.) Ich half oft und gerne beim Backen. Das Wissen und die Fähigkeiten meiner Großmutter wären in der heutigen Zeit unvorstellbar. Sie beherrschte auch viele weitere Hausfrauenfähigkeiten, so nähte und strickte sie selbst und produzierte selbst Kleidung usw.


Vorhin erwähnte ich, daß ich mich oben, im 1. Stock bei meinen Großeltern, stets zuhause und geborgen fühlte. Ich hatte in den letzten Tagen wiederholt Flashbacks, wie mein Vater mich von dort "herunterholte". Es gab immer nur ein und dasselbe Wort, kein Satz und schon gar keine Erklärung.

Das Wort hieß "RUNTERKOMMEN!"

Das schrie er mit einer scharfen, schneidenden Stimme wie einen militärischen Befehl von unten her. Das war, wie wenn ein Hund gerufen würde. Er wäre nie die Treppe hochgekommen und hat sich auch, wie ich mich erst jetzt erinnere, praktisch nie (in mehr als 10 Jahren), oder vielleicht gar nicht, in der Wohnung meiner Großeltern blicken lassen.

Oft folgte auf das "Runterkommen!" auch noch eine Beschimpfung oder sogar eine Strafe. Meistens unter irgendeinem Vorwand — ich hätte irgend etwas nicht aufgeräumt oder meiner Mutter nicht geholfen oder er hätte von einer schlechten Zensur erfahren. Es kam jedenfalls meistens etwas nach, etwas Unerfreuliches und Demütigendes. Mein Vater fand, ich würde oben "verwöhnt" und "verhätschelt" und dadurch charakterlich verdorben.

Meine eigenen Erlebnisse sind sehr persönlich und individuell, spiegeln aber im Rückblick aus mehr als 40 Jahren betrachtet wesentliche Grundmuster der Verdrängung und Zerstörung von Lebenskraft und Authentizität dar. Das ist auch der Grund, warum ich sie ab Mai 2014 öffentlich gemacht habe und weiterhin ausarbeiten werde.

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