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Erinnerungen 7: Die Reinfälle

Mir fällt im Moment kein passenderer Titel ein. Es ist mir auch so unangenehm, diese Seite hier zu schreiben, daß ich mich dazu überwinden muß. Aber auf der anderen Seite gehört es zum Thema unbedingt dazu, und vielleicht hilft es auch, das hier einmal so zusammenzustellen.

Ich hatte nicht nur vor meinem Studium, das mit 19 Jahren begann, keine Kontakte zu Frauen, sondern auch während der ziemlich langen Studienzeit (7 Jahre). Das markanteste Erlebnis, das sozusagen exemplarisch für meine "Reinfälle" diesbezüglich gewesen ist, möchte ich hier beschreiben:

In der Nähe des Studentenwohnheims, das ich ab ca. 23 Jahren bewohnte, befand sich eine Mensa. Ich ging dort jeden Mittag zusammen mit einer Gruppe von Mitbewohnern, die auf derselben Etage wohnten, zum Essen hin. Eine Mitbewohnerin brachte eine Bekannte mit, die woanders im Haus wohnte. Nach und nach blieben die anderen Kommilitionen weg, und es ergab sich, daß ich mit dieser einen Bekannten dann allein zum Essen ging. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, an ihr irgendein erotisches Interesse zu haben, sondern fühlte mich ihr irgendwie brüderlich verbunden. Sie war ca. 21 oder sogar noch jünger, sah wie ein Junge aus, hatte eine Jungenfrisur, keine weiblichen Formen und sogar einen Jungennamen. Wir haben auch nicht viel geredet.

Eines Tages sagte sie ganz plötzlich, ohne irgendeine Vorbereitung: "Morgen kommt mein Mann." Ich reagierte völlig überrascht und dachte, sie hätte einen Witz gemacht. Daß sie verheiratet war, hatte sie nie erwähnt. Ich fragte mehrmals nach, was ihr offenbar sehr peinlich war.

Was danach kam, war sehr extrem und hat mich für etwa ein Jahr lang völlig aus der Bahn geworfen. Ich konnte nicht mehr mit ihr sprechen. Wenn ich sie sah, fing ich an zu stottern und wurde rot. Ich bekam dann so eine Angst, daß ich nicht mehr in die Mensa ging, obwohl ich gar nicht wußte, wie oder wo ich noch essen sollte. Irgendwann sah ich dann ihren Mann. Ich fand ihn sehr sympathisch. Ich versuchte dann aber, jegliche Begegnung mit den beiden zu vermeiden. Das wurde so schlimm, daß ich auch alle Umgebungen mied, wo die beiden hätten auftauchen können. Ich ging am Tag kaum noch raus und gewöhnte mir ein Nachtleben an, wo ich tagsüber schlief und nachts wach war. Oft ging ich in die Nachtvorstellungen von Kinos. Auch mein Studium lag brach. (Das wurde zu einem regelrechten Trauma für mich. Selbst heute träume ich manchmal, ich müßte unbedingt noch meine letzte Prüfung absolvieren, weil das Studium sonst nicht fertig würde und die gesamte Studienzeit damit umsonst gewesen wäre.) Ich habe die beiden noch ein oder zweimal gesehen und bin jedesmal sofort rot geworden, woraufhin ich dann fluchtartig verschwunden bin. Diese Phobie wurde dann derart stark, daß ich sogar fürchtete, in die Stadt zu gehen, weil ich dort einem von ihnen begegnen könnte.

Ich muß hier anmerken, daß ich damals noch nicht einmal ernsthaft auf die Idee gekommen bin, das Ganze hätte etwas mit Erotik oder mit Sex zu tun. In keinem Moment hatte ich den Eindruck gehabt, in dieser Art von dem Mädchen angezogen zu sein. Das einzige, was ich verspürte, war eine überwältigende Scham.


Der andere "Reinfall" war sogar noch schlimmer; wenn es überhaupt noch schlimmer und quälender geht. Als ich mit dem Studium fertig war, plante ich eine Asienreise. Meine Mutter hatte gehört, daß das Mädchen aus einem der benachbarten Häuser — sie kam aus einer Familie, mit der wir seit mehr als zehn Jahren gut bekannt waren; ich hatte mit dem Vater und dem Bruder oft Tennis gespielt und war dort auch mehrmals zu Besuch gewesen — bereits in Indien gewesen war. Sie vermittelte ein Tennisspiel mit ihr. Ich hatte sie schon länger nicht gesehen. Sie machte nach dem Tennisspiel obskure Andeutungen, Indien wäre etwas ganz besonderes, was man nicht beschreiben könne, und ich hätte gar keine Ahnung, was auf mich zukäme. (Ich war damals noch gar nicht sicher, überhaupt so weit zu gelangen, weil ich vorerst nur bis Istanbul geplant hatte.) Ich besuchte sie dann noch in ihrer Wohnung. Wir unterhielten uns sehr lange und ausgiebig. Auch hier hatte ich in keiner Sekunde den Eindruck, so etwas wie nähere Anziehung zu verspüren.

Da ich noch meine Studentenbude ausräumen und umziehen mußte, fuhr ich zurück in die Uni-Stadt. Nach ein paar Tagen überfiel mich eine Art Krankheit: Ich konnte weder schlafen noch essen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich zum Mittagessen ging (aufgrund obiger Erfahrung mit der Mensa hatte ich in der Zwischenzeit eine Behördenkantine ausfindig gemacht, wo ich mich eingeschmuggelt hatte, weil ich wußte, daß man dort keine Ausweise verlangte), vor dem vollen Teller saß und nicht einen einzigen Bissen herunterbrachte. Ich hatte keinen Hunger und war nachts auch nicht müde. Ich wunderte mich nur, wie es möglich war, auf Dauer ohne Schlaf und ohne Essen zu überleben. Nach und nach fiel ich dann in eine starke Depression, wollte sterben, alles wurde düster und schwarz. Ich war völlig verzweifelt. Nach und nach ging mir auf, daß das irgend etwas mit dieser Nachbarstochter zu tun hatte. Obwohl es mich eine schier übermenschliche Überwindung kostete, nahm ich Kontakt auf und fragte sie, ob ich sie nochmal treffen könnte.

Wir trafen uns dann ein paar Tage später. In der Zwischenzeit hatte ich mich gefühlt, als ob ich sterben müsse. Als ich sie sah, sagte ich ihr sofort, daß ich mich in sie verliebt hätte. Ich umarmte sie. Wir waren dann am Nachmittag und Abend zusammen, und ich bildete mir ein, alles wäre jetzt in Ordnung. (Die weiteren Details lasse ich hier weg; nur soviel: Wir hatten keinen Sex.) Gleich als erstes am nächsten Morgen teilte sie mir mit, sie wolle jetzt wohl Kontakt mit ihrem früheren Freund aufnehmen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und verstand überhaupt nichts. Sie betonte auch, ich müsse die geplante Abreise unbedingt durchführen.

Ich bin dann kurz danach auch wirklich auf die Reise gegangen, fühlte mich aber noch ziemlich lange wie betäubt. Irgend etwas in mir war zerbrochen. Dazu gehörte auch die Aufgabe jeglicher Zuversicht, noch irgendeine Beziehung eingehen zu können oder das überhaupt noch zu wollen.

GLR
25.-26.5.2014

Meine eigenen Erlebnisse sind sehr persönlich und individuell, spiegeln aber im Rückblick aus mehr als 40 Jahren betrachtet wesentliche Grundmuster der Verdrängung und Zerstörung von Lebenskraft und Authentizität dar. Das ist auch der Grund, warum ich sie ab Mai 2014 öffentlich gemacht habe und weiterhin ausarbeiten werde.

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