LEBENSKRAFT
UND MISSBRAUCH

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Der Seelenzerstörer

Der Seelenzerstörer
von Elfriede Assadi

„So etwas Dummes und Unlogisches habe ich noch nie gehört!“ schrie Herr Kleinbaum und blickte drohend auf das kleine Mädchen herab.
Sein ganzer Ärger und all seine Wut entlud sich wie immer spontan und unkontrolliert. Es gab, wie er meinte, genügend Anlässe, sich über ein Familienmitglied zu ärgern. Diesmal traf es wieder Jenna, die Kleinste. Über sie ergossen sich Donner, Blitz und Regen. Und sie fürchtete sich schrecklich.

Pure Angst überschattete ihr Gesichtchen und sie rannte aus dem Zimmer, um sich in ihrer Spielecke zu verkriechen. Tränen kullerten über ihre heißen Bäckchen.
Dabei hatte sie ihren Vater nur gefragt:
„Papa, warum muss ich in die Schule gehen, wenn ich krank bin?“
Sie war doch nur ein kleines Mädchen mit vielen Fragen. Warum war ihr Vater nie mit ihr zufrieden, obwohl sie sich so viel Mühe gab? Sie würde so gerne alles richtig machen, damit er einmal ganz stolz auf seine kleine Tochter sein kann. Damit er ein Mal zu ihr sagt, „wie sehr er sie lieb hat.“
Nur wie? Es war so furchtbar schwer, Papa eine Freude zu bereiten.

Auch Mama gelang das nicht. Darum schrie er auch ständig mit ihr.
„Vielleicht macht Mama auch so viele Fehler, so wie ich?“ überlegte Jenna, nachdem sie ihn gestern wieder brüllen hörte:
„Nicht einmal einen Tee kannst du zubereiten! Was kannst du eigentlich?“, tobte es bis an ihre kleinen Ohren und riss sie aus dem Schlaf. Wobei der Lärm des berstenden Geschirrs die laute Stimme übertraf.
Nachdem die Wohnungstür knallend ins Schloss fiel, hörte sie ihre Mutter leise schluchzen.
Zögernd tappte Jenna in die Küche und sah, wie sie die Reste der gebrochenen Teetassen in den Müll kippte.
„Mama hat Papa uns nicht lieb?“ fragte sie traurig, setzte sich zum Küchentisch und klatschte abwesend mit den Händen in die Teepfützen.
„Aber er hat uns doch lieb! Nur momentan muss Papa sehr viel arbeiten“, antwortete Hanna leise, während sie sich verstohlen die Tränen aus dem Gesicht wischte, tief durchatmete und spontan verkündete: „Komm in meine Arme, mein Schatz, wir wollten doch heute einen Kuchen backen!“

Hanna wollte retten, was noch zu retten war, um mit ihrer kleinen Tochter dennoch einen schönen Tag zu verbringen. Und trotz alledem, ja gerade deshalb sollte es noch ein ganz besonderer werden.
„Jaaa, Mama, einen Schokoladenkuchen!“ rief die Kleine erfreut und schob ihren Sessel zum Küchenregal mit den Kochbüchern. Umständlich nahm sie das Buch mit den bunten Bildern und begann darin zu blättern. Nachdem sie die Seite mit dem Kuchenrezept fand, sah sie nachdenklich zu ihrer Mutter und meinte:
„Denkst du, Papa wird sich darüber freuen?“
„Ja, ganz sicher, mein kleines Mäuschen“, antwortete Hanna lächelnd.
Jenna vertraute ihrer Mutter, denn sie liebte sie. Aber sie spürte auch Angst, Angst vor Vaters schlimmen Worten. Sie schmerzten, und ließen sie nachts nicht schlafen. Deshalb fragte sie noch einmal unsicher nach:
„Und, er wird nicht mehr böse sein?“
„Nein, mein Schatz, er wird nicht mehr böse sein“, versuchte Hanna so gut wie möglich, die Kleine zu beruhigen. Denn ihre Tochter war ihr ein und alles. Alles, wofür sie lebte. Und Georg? Was hatte ihn so grausam werden lassen? War es seine eigene lieblose, straffe, erfolgsorientierte Erziehung, ein Abbild seiner Kindheit?
Hanna spürte nur noch Verzweiflung. Wie sollte es nur weitergehen? Früher dachte sie, er sei überarbeitet. Doch beruflich hatte er alles erreicht. Er müsste zufrieden und glücklich sein. Es schmerzte, zusehen zu müssen, wie sehr ihre kleine Familie unter seinen ständigen Ausbrüchen litt.

Jenna konnte vieles noch nicht verstehen. Sie wusste nur, dass sie ihren Vater liebte. Einfach bedingungslos liebte, so wie eben nur ein kleines Mädchen ihren Vater lieben kann. Und sie dachte auch, alle Väter hätten ihre Kinder automatisch lieb. Auch wenn sie nur Mädchen sind, die viele Fehler machten. Sie sah es doch jeden Tag mit ihren eigenen Augen, wie andere Papas mit ihren Kinder am Spielplatz spielten.
So wie bei ihrer Freundin Jasmin. Ihr Papa fuhr sie manchmal mit dem Auto in die Schule.
Und, er stieg sogar aus und ging mit ihr bis vor das Eingangstor. Dann winkte er auch noch, bevor er weiter fuhr. Doch ihr Papa brachte sie nie zur Schule. Denn er musste ja, wie Mama sagte, „so viel arbeiten.“
Und deshalb konnte er sie auch nicht im Kinderkrankenhaus besuchen, als sie vor kurzem wieder so krank war. Nur ihre Mama kam jeden Tag und las ihr lustige Geschichten aus ihrem Lieblingsbuch vor.

Als sie wieder zuhause war, schimpfte er mit ihr, dass sie ständig krank sei.
„Nur schwache und dumme Kinder sind ständig krank! Man muss sich von klein an behaupten, ansonsten ist man nichts wert!“ donnerte er, bis sich sein Gesicht rot verfärbte.
Ohne zu antworten, lief sie, wie stets, wenn Papa tobte, aus dem Zimmer, hielt mit ihren Händen die Ohren zu und versteckte sich unter dem Bett.
„Ich bin nicht dumm“, flüsterte sie und rutschte auf dem glatten Parkett noch weiter rückwärts in die sichere Ecke.
„Frau Koppenstein hat mir ein goldenes Sternchen in mein Heft geklebt, weil ich so schön geschrieben habe, Papa!“ sprach sie leise zu sich und ein trotziges Lächeln huschte über ihr verheultes Gesicht.

Nach einer Weile kroch sie aus ihrem Versteck hervor und lief, ihre Puppe fest umklammernd, in Vaters Arbeitszimmer. Sie setzte sich vor seinem Schreibtisch auf den Boden und sah ihm mutig ins Gesicht.
„Hast du deine Aufgaben schon gemacht!“, fragte er streng, ohne sie anzusehen.
„Ja, Papa“ piepste sie und drückte ihre kleine Gefährtin noch fester an sich.
„Und was ist mit deinen Klavierstunden? Die kosten mich ein kleines Vermögen. Deine Lehrerin meint, du seiest nicht fleißig genug!“ fuhr er, ohne von seinem Buch aufzublicken, fort.
Jennas Augen guckten beschämt auf den Boden. Sie suchte nach einer Antwort, die ihren Vater erfreuen könnte, die ihm versicherte, wie eifrig sie übte. Sie spielte doch so gerne, und Fräulein Ringelstein war auch immer ganz lieb zu ihr. Wie konnte sie nur so gemein sein und Papa anlügen?
„Ich erwarte mir, dass du dein Bestes gibst! Damit du nicht so endest wie dein Bruder! Die sechste Klasse musste er wiederholen, dieser Dummkopf! Was für eine Schande!“ sprach er verächtlich, während er geräuschvoll das Buch zuschlug.
„Naja, offenbar geht er ganz nach deiner Mutter! Wenn es mich nicht gäbe, dann würdet ihr dem Staat zur Last fallen“, grollte er weiter, ohne zu bedenken, dass Jenna ihn erschrocken anstarrte.
Zornig und ruckartig erhob er sich aus dem Sessel und stieß ihn ohne zu bemerken um. Hastig warf er einige Unterlagen in seine Aktentasche und meinte im Vorbeigehen zu seiner verstörten kleinen Tochter:
„Sag deiner Mutter, ich geh noch einmal in die Kanzlei und komme spät.“

Jenna blieb noch eine Weile sitzen. Dann wischte sie ihrer Puppe die Tränen aus dem Gesicht und flüsterte:
„Sei nicht traurig, das wird schon wieder, Papa muss nur so viel arbeiten.“
Betrübt holte sie ihre bunten Filzstifte, setzte sich an Papas Schreibtisch und zeichnete kleine bunte Sternchen auf die beschriebenen Blätter …

Als Herr Kleinbaum am Abend nachhause kam und im Arbeitszimmer die bemalten Dokumente sah, schrie er nach seiner Frau:
„Wie konntest du das zulassen! Kannst du nicht einmal auf ein kleines Kind aufpassen! Auch dafür bist du nicht zu gebrauchen!“ Wütend fegte er die Unterlagen vom Tisch.
Hanna versuchte ihn zu besänftigen und meinte:
„Aber Georg, Jenna hat das ja nicht mit Absicht bemalt. Sie ist doch noch zu klein, um zu verstehen …“, merkte aber sofort, dass ihn ihre Versuche ihn zu beruhigen, noch rasender machten.
„Was redest du da wieder für einen Unsinn! Du hättest auf sie aufpassen müssen, du blöder Trampel!“
Außer sich vor Rage griff Georg nach den marmornen Briefbeschwerer und warf ihn auf seine Frau. Er traf sie am Mund. Ihre Lippen platzten. Ein Blutschwall ergoss sich über die Bluse. Erschrocken griff Hanna auf die schmerzende Wunde und taumelte ins Badezimmer. Mit zittrigen Händen riss sie das Handtuch vom Haken, befeuchtete es mit kaltem Wasser und hielt es vorsichtig auf die blutende Öffnung.

Aus dem Kinderzimmer kam Jennas Wimmern. Hanna eilte zu ihr. Unterhalb der Decke vernahm sie ein herzzerreißendes Schluchzen. Sie setzte sich im dunkeln auf die Bettkannte und streichelte über ihren Lockenschopf. Die Kleine kroch langsam hervor, schlang ihre Arme um Mutters Hals und schlief schluchzend ein.

Nachdem Hanna hörte, wie ihr Mann die Wohnung verließ, holte sie eine Reisetasche aus dem Schrank und packte einige Kleidungsstücke von sich und Jenna ein.
Eilig suchte sie in ihrer Handtasche nach dem Handy. Sie wusste nicht, wie lange Georg wegbleiben würde und vor allem, was er noch vorhätte. Völlig aufgelöst rief sie ihre Freundin an:
„Katja“, ein Schluchzen unterbrach ihre Stimme. Alle Ängste und Anspannungen lösten sich, als sie die vertraute Stimme hörte.
„Katja, ich bin am Ende. Ich werde ihn verlassen …“

Der Seelenzerstörer, Elfriede Assadi, schreib-lust.de, Juli 2007

20.8.2014

Meine eigenen Erlebnisse sind sehr persönlich und individuell, spiegeln aber im Rückblick aus mehr als 40 Jahren betrachtet wesentliche Grundmuster der Verdrängung und Zerstörung von Lebenskraft und Authentizität dar. Das ist auch der Grund, warum ich sie ab Mai 2014 öffentlich gemacht habe und weiterhin ausarbeiten werde.

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